top of page

Open Data im Tourismus: Warum Daten erst durch Nutzung wertvoll werden

  • Autorenbild: Jörg Herbst
    Jörg Herbst
  • 15. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Viele DMO-Teams kennen diesen Moment: In Projekten wird viel Energie in Daten gesteckt. Sehenswürdigkeiten werden erfasst, Bilder zugeordnet, Texte gepflegt, Öffnungszeiten aktualisiert und POIs in Systeme übertragen. Zusätzlich stehen heute viele offene Quellen bereit: OpenStreetMap, Wikimedia Commons, Wikidata, kommunale Geoportale, regionale Open-Data-Portale oder frei nutzbare Routendaten.

Trotzdem bleibt im Alltag häufig eine leise Enttäuschung. Die Daten sind da. Sie sind sauberer als früher. Sie liegen nicht mehr nur in einzelnen Dokumenten oder alten Broschüren. Aber vor Ort verändert sich für Gäste zunächst wenig. Ein Platz wird nicht automatisch verständlicher, nur weil er als Datensatz vorhanden ist. Eine Route wird nicht automatisch genutzt, nur weil ihre Stationen strukturiert erfasst wurden.

Genau darin liegt die zentrale Herausforderung bei Open Data im Tourismus. Der eigentliche Wert entsteht nicht im Moment der Ablage, sondern im Moment der Nutzung. Daten werden wertvoll, wenn sie Menschen helfen, einen Ort besser zu verstehen, eine Route zu beginnen, einen Zusammenhang zu erkennen oder vor Ort leichter zu entscheiden. Aus DMO-Sicht ist das eine wichtige Verschiebung: Nicht der vollständigste Datenbestand ist das Ziel, sondern das Angebot, das Gäste wirklich nutzen.

 


Datenqualität ist wichtig, aber sie reicht nicht


Datenqualität beantwortet nur einen Teil der touristischen Aufgabe. Sie sagt, ob ein Eintrag vollständig, korrekt und technisch nutzbar ist. Sie sagt noch nicht, ob daraus ein gutes Gästeerlebnis entsteht. Genau dieser Unterschied ist im DMO-Alltag entscheidend, weil Teams selten am Mangel an Daten scheitern, sondern an der Frage, warum vorhandene touristische Inhalte vor Ort nicht genutzt werden und wie daraus ein Angebot wird, das Gäste tatsächlich aufgreifen.

Ein POI-Datensatz kann Name, Beschreibung, Koordinaten, Bild, Öffnungszeiten und Kategorie enthalten. Für eine Datenbank ist das viel. Für einen Gast, der vor einer unscheinbaren Fassade steht, ist es noch kein Erlebnis. Die Person fragt, oft unausgesprochen: Warum soll ich hier stehen bleiben. Was mache ich als Nächstes.


Zwischen Datenbestand und Nutzungssituation liegt deshalb eine Übersetzungsleistung. Sie entscheidet darüber, ob Open Data nur intern Ordnung schafft oder draußen im Stadtraum Wirkung entfaltet. In vielen Projekten ist genau diese Übersetzung der unterschätzte Arbeitsschritt: nicht technisch spektakulär, aber entscheidend für die spätere Akzeptanz.

 


Welche offenen Quellen im Tourismus relevant sind


Wenn in touristischen Projekten von Open Data gesprochen wird, bleibt der Begriff oft zu abstrakt. In der Praxis geht es meist um sehr konkrete Quellen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen.


OpenStreetMap ist für viele Destinationen relevant, weil dort Wege, Plätze, Gebäude, POIs, Aussichtspunkte, Brunnen, Toiletten, Haltestellen, Radwege oder Wanderwege räumlich verortet sind. Daraus lassen sich interaktive Karten, Routenlogiken und Umfeldinformationen ableiten. Für ein digitales Erlebnis ist OpenStreetMap aber eher die räumliche Grundlage als die fertige Erzählung.


Wikimedia Commons kann Bildmaterial liefern, etwa Fotos von Bauwerken, Denkmälern, Landschaften oder historischen Objekten. Für DMOs ist das spannend, wenn eigenes Bildmaterial fehlt oder ein Ort visuell eingeordnet werden soll. Gleichzeitig braucht es redaktionelle Prüfung: Passt das Bild zur Qualität, ist die Lizenz nutzbar, und wird die nötige Urhebernennung berücksichtigt?


Wikidata ergänzt strukturierte Kontextinformationen, etwa Koordinaten, alternative Namen oder Beziehungen zu Personen, Bauwerken und Epochen. Für touristische Anwendungen ist das interessant, wenn Orte eindeutig identifiziert, mehrsprachig verknüpft oder mit externem Wissen angereichert werden sollen.


Hinzu kommen kommunale und regionale Open-Data-Portale. Dort liegen je nach Stadt oder Region Denkmallisten, Grünflächen, Spielplätze, barrierefreie Toiletten, Mobilitätsdaten, Parkplätze, Verwaltungsgrenzen, Schutzgebiete oder Kulturorte. Diese Daten kommen oft als CSV, GeoJSON, Shapefile, WMS oder WFS. Für den Tourismus sind sie wertvoll, wenn sie mit einer konkreten Besuchssituation verbunden und als Geodaten intelligent angebunden werden.


Aus touristischen Daten entsteht eine geführte Erlebnisroute mit Stationen
Daten werden wertvoll, wenn sie in einen konkreten Nutzungsmoment übersetzt werden.

 

Vor Ort zählt nicht der Datensatz, sondern der nächste Schritt


Man kann sich eine einfache Situation vorstellen. Eine DMO möchte eine kurze Altstadttour entwickeln. Wege und Plätze kommen aus OpenStreetMap. Zu einigen Gebäuden gibt es Fotos auf Wikimedia Commons. Wikidata liefert Bezüge zu historischen Personen oder Bauwerken. Das kommunale Geoportal enthält zusätzlich Denkmale, Grünflächen und öffentliche Toiletten. Intern ist das ein Fortschritt, weil nicht jedes Element neu recherchiert werden muss.


Für einen Gast am Samstagnachmittag ist das aber noch nicht genug. Die Person steht am Marktplatz, hat vielleicht 45 Minuten Zeit und möchte spontan etwas entdecken. Sie braucht keine OSM-Tags, keinen GeoJSON-Export und keine Wikidata-ID. Sie braucht einen Einstieg.

Aus denselben Quellen kann Verschiedenes entstehen: eine kurze digitale Altstadttour, eine Route zu versteckten Details, ein Familienformat mit Beobachtungsaufgaben oder ein Audio-Rundgang zu lokalen Geschichten. Gerade bei einer virtuellen Fremdenführung in der Altstadt sieht man gut, dass Daten nur das Material liefern. Das Erlebnis entsteht erst durch Auswahl, Reihenfolge, Tonalität, Aufgaben und Orientierung.


Darum ist die Frage "Welche Daten haben wir?" nur der Anfang. Die anschließende Frage ist für DMOs oft wertvoller: In welcher konkreten Situation sollen diese Daten genutzt werden?

 


Aus POI-Daten werden erst durch Dramaturgie Stationen


Ein POI ist in einer Datenbank ein Punkt. In einem Erlebnis ist er eine Station. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, verändert aber die gesamte Logik.


Ein Punkt wird beschrieben. Eine Station hat eine Aufgabe im Verlauf. Sie führt in ein Thema ein, vertieft eine Beobachtung, löst eine Frage aus, schafft Orientierung oder bereitet den nächsten Ort vor. Sie ist nicht nur vorhanden, sondern eingebunden.


Genau deshalb reicht es selten, POI-Texte unverändert in ein digitales Angebot zu übernehmen. Texte, die für Website oder Datenbank funktionieren, sind vor Ort oft zu lang oder zu wenig handlungsbezogen. Gäste brauchen unterwegs andere Formen: kurze Impulse, Audio, Beobachtungsfragen oder eine erkennbare Route. Hier können auch Rätseltouren und kleine Challenges helfen, wenn sie aus dem Ort heraus entwickelt werden.


Das bedeutet nicht, dass bestehender Content wertlos wäre. Im Gegenteil. Gute Daten und gute Inhalte sind die Grundlage. Aber sie müssen für den Nutzungsmoment neu geschnitten werden. Aus einem langen Beschreibungstext kann ein kurzer Einstieg werden. Aus einer Liste mehrerer Orte kann eine thematische Reihenfolge entstehen. Aus einer Bildsammlung kann ein Suchimpuls am realen Ort werden.


So wird aus POI Daten Tourismus nicht nur Datenpflege, sondern Angebotsentwicklung. Oder noch konkreter: Aus einem POI wird erst dann eine Erlebnisstation, wenn klar ist, welche Rolle er im Weg, in der Geschichte und im Entscheidungsfluss der Gäste übernimmt.

 


Formate sind Werkzeuge, keine fertigen Angebote


Auch die Datenformate selbst werden im Alltag manchmal überschätzt. GeoJSON, GPX oder KML sind hilfreich, wenn Routen, Punkte oder Flächen übertragen werden sollen. CSV eignet sich für Listen, etwa POIs, Veranstaltungen oder Infrastruktur. WMS und WFS binden Kartenebenen aus Geoportalen ein. RDF, SPARQL oder JSON-LD sind relevant, wenn Wissensdaten und semantische Verknüpfungen eine Rolle spielen. GTFS kann für ÖPNV-Daten interessant sein.


Für Gäste ist das alles unsichtbar. Niemand startet eine Tour, weil sie technisch als GeoJSON vorliegt. Menschen starten sie, weil der Einstieg verständlich ist, die Route attraktiv wirkt und der nächste Schritt klar ist. Genau deshalb sollte die technische Form dem Angebot dienen, nicht umgekehrt.

 


Open Data wird stärker, wenn es in Angebote übersetzt wird


Für DMOs liegt die Chance von Open Data nicht nur in Effizienz. Sie liegt auch darin, schneller konkrete digitale Besucherangebote entwickeln zu können. Wenn Inhalte strukturiert vorliegen, muss ein neues Angebot nicht jedes Mal bei null beginnen. Eine digitale Themenroute kann auf OpenStreetMap-Geometrien und eigenen POIs aufbauen. Ein Schlechtwetter-Angebot kann vorhandene Kulturorte aus dem regionalen Datenhub nutzen. Eine Familienroute kann Bilder aus Wikimedia Commons, lokale Geschichten und barrierearme Wege neu kombinieren.


Der entscheidende Schritt bleibt redaktionell und konzeptionell. Welche Zielgruppe soll angesprochen werden. Welche Besuchssituation ist realistisch. Wo beginnt das Angebot. Welche Stationen tragen wirklich. Was ist der rote Faden.


Hier zeigt sich auch der betriebliche Wert. Ein gutes digitales Vor-Ort-Erlebnis muss nicht nur für Gäste verständlich sein, sondern auch für die Organisation pflegbar bleiben. Open Data kann helfen, weil Inhalte nicht in isolierten Sonderlösungen verschwinden. Die Datenstruktur allein löst den Betrieb aber nicht. Lizenzen, Quellenstände, Bildnachweise und redaktionelle Verantwortung bleiben Teil der Aufgabe. Das QUEST-Raster für digitale Erlebnisformate kann dabei helfen, diese Fragen früh mitzudenken.


Gäste nutzen einen digitalen Impuls an einem touristischen POI
Ein POI-Eintrag ist erst der Anfang. Vor Ort braucht es Anlass, Orientierung und einen nächsten Schritt.

 

Was das für Stadtmarketing und DMOs praktisch bedeutet


Für touristische Organisationen lohnt sich eine nüchterne Prüffrage: Welche offenen und eigenen Daten sind bereits so aufbereitet, dass daraus direkt ein nutzbares Gästeangebot entstehen könnte?

Die Antwort liegt selten in der größten Datenmenge. Oft sind kleinere, klar zugeschnittene Einstiege wirksamer. Fünf bis acht Stationen zu einem Thema können für einen Pilot wertvoller sein als eine vollständige Liste aller POIs.


Ein sinnvoller erster Schritt kann sein, die Quellen getrennt zu betrachten: Welche POIs und Wege liefert OpenStreetMap zuverlässig. Welche Bilder aus Wikimedia Commons sind geeignet. Welche Wikidata-Bezüge helfen bei Mehrsprachigkeit oder Kontext. Welche kommunalen Geodaten sind aktuell genug. Welche eigenen Inhalte der DMO geben dem Ganzen eine lokale Stimme.


Danach sollte nicht sofort die Technikfrage kommen, sondern eine Angebotsfrage: Für wen ist dieses Format gedacht? Für spontane Tagesgäste, Familien, Schulklassen, Kulturinteressierte oder Einheimische, die ihre Stadt neu entdecken möchten? Eine DMO, die diese Situation sauber beschreibt, kann Daten viel gezielter auswählen und muss weniger raten, welche Inhalte später wirklich tragen.


Das Ziel ist nicht, Daten zu vereinfachen, bis nichts mehr übrig bleibt. Es geht darum, sie situativ einzusetzen. Daten bleiben im Hintergrund strukturiert. Für Gäste werden sie im Vordergrund zu Orientierung, Geschichte, Aufgabe, Empfehlung oder Route. Genau so lassen sich touristische Daten nutzbar machen, ohne die fachliche Tiefe der Datenbasis aufzugeben.

 


Wo StadtQUEST sinnvoll anschließt


StadtQUEST setzt genau an dieser Übersetzung an. Nicht als Ersatz für Datenhubs, Content-Datenbanken, OpenStreetMap, Wikimedia Commons, Wikidata oder bestehende Websites, sondern als Erlebnislayer für den realen Ort. Vorhandene POIs, Texte, Bilder und Themen können zu digitalen Stationen mit POIs verdichtet werden: mit Einstieg per QR-Code oder Link, mit Stationen, Audio, Aufgaben, Sammellogik und klarer Nutzerführung.


Der wichtige Punkt ist nicht die Technik an sich. Entscheidend ist, dass aus offenen und eigenen Daten ein Format entsteht, das Gäste tatsächlich starten, verstehen und abschließen können. Ein Datensatz wird dadurch nicht ersetzt, sondern aktiviert. Persönlich halte ich genau diese Haltung für wichtig: Daten verdienen nicht noch ein weiteres Schaufenster, sondern einen Moment, in dem sie für Menschen hilfreich werden.


Für DMOs kann das ein pragmatischer Einstieg sein. Statt sofort ein großes Digitalprojekt aufzusetzen, lässt sich ein Pilot definieren: ein Thema, eine Zielgruppe, ausgewählte Daten, wenige Stationen und ein klares Nutzungsziel. Wer noch vor der Umsetzung Orientierung braucht, kann dafür einen Konzept-Check für digitale Tourismusprojekte nutzen.

So wird Open Data vom abstrakten Infrastrukturthema zu einem konkreten Arbeitsmittel für digitale Angebotsentwicklung.

 


Die zentrale Einsicht


Open Data im Tourismus ist wertvoll, aber nicht automatisch wirksam. OpenStreetMap, Wikimedia Commons, Wikidata, Geoportale, CSV-Dateien, GeoJSON-Routen oder semantische Datenmodelle sind Bausteine. Der touristische Wert entsteht dort, wo diese Bausteine in Nutzung kommen: wo ein Gast einen Einstieg findet, ein Ort verständlicher wird und eine Route Orientierung gibt.


Für Destinationen ist das eine entlastende Perspektive. Es muss nicht immer zuerst mehr Content produziert werden. Häufig lohnt es sich, vorhandene Daten und Inhalte neu zu betrachten: Welche davon können in einen konkreten Besuchsmoment übersetzt werden. Welche Geschichten brauchen nur einen besseren Einstieg.


Wer so arbeitet, behandelt Open Data nicht als Selbstzweck. Daten bleiben Grundlage, aber Nutzung wird zum Maßstab. Genau dort beginnt der eigentliche touristische Wert.


Wer prüfen möchte, welche vorhandenen POIs, Themenrouten oder Datenbestände sich für ein erstes digitales Vor-Ort-Erlebnis eignen, kann mit StadtQUEST für digitale Städte einen überschaubaren Pilot entwickeln. Im Mittelpunkt steht nicht ein weiteres System, sondern die Frage, wie aus vorhandenen Daten ein Angebot wird, das Gäste wirklich nutzen.

Web-App  Entwicklung

Individuelle Web-Anwendungen für Browser — von Kundenportalen

bis zu komplexen

Business-Tools.

Mehr erfahren

Interaktive Karte & Standortdaten

Digitale Kartenlösungen und Geodaten-Visualisierung für Planung, Analyse und nutzergeführte Erlebnisse.

Mehr erfahren

Softwareentwicklung mit KI

Integration intelligenter Funktionen — von Automatisierung über Datenanalyse bis zu KI-gestützten Assistenzsystemen.

Mehr erfahren

Heading 3

bottom of page